Rosa Luxemburg zum 155sten

Roland Wiegmann

Rebellion neu denken - von Rosa Luxemburg bis Fridays For Future

„Zehntausende demonstrieren für mehr Klimaschutz“, „Klima trifft Warnstreik“, „Streiktag legt Busse und Bahnen lahm“ – Schlagzeilen wie diese über wichtigen und erlaubten Proteste prägen seit Jahren unseren Alltag.

Hier weiterlesen …

 

In Deutschland stehen wir heute auf den Schultern von Jahrzehnten Arbeiter:innenbewegung, in denen Massenproteste unter Inkaufnahme von Polizeigewalt und Gefängnisstrafen erfolgten. Auch Rosa Luxemburg - scharfzüngige Revolutionärin - deren 155. Geburtstag wir am 05. März 26 begehen - wurde mehrfach u.a. wegen ihrer antimilitaristischen Agitation und Aufrufe zum Ungehorsam gegen Krieg und Kriegsdienst monatelang inhaftiert. 

Die Protestierenden von heute und der radikal demokratischen, internationalistischen und unbequemen Rosa Luxemburg ist die Überzeugung gemeinsam, dass ein 'Weiter so' keine Option ist. Auch in Bezug auf den Umgang mit Natur bestehen einige Gemeinsamkeiten. So wie Marx schon Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, die Menschen seien nicht Eigentümer, sondern nur Nutznießer der Erde und müssten sie wie 'gute Familienväter' den kommenden Generationen verbessert hinterlassen – eine Formulierung, die heute wie ein früher Kommentar zur Klimagerechtigkeit wirkt - so dachte auch Luxemburg Ausbeutung von Arbeit und Aneignung der Natur im Kapitalismus konsequent zusammen – Kapitalismus frisst nicht nur Arbeitskraft, er frisst auch Natur. Aber egal wie grün er lackiert ist, er bleibt Kapitalismus. 

'Grüner Kapitalismus' - das wäre für Luxemburg ein Oxymoron gewesen, ein schwarzer Schimmel, etwas, das es nicht gibt, und deshalb war für sie eine Revolution notwendig und unvermeidlich. Aber keine Angst vor Jakobinern. Sie schreibt selbst: »Wir brauchen <mark class="hltr-red">durchaus nicht in der Revolution Heugabeln und Blutvergießen zu verstehen</mark>. Eine Revolution kann auch in kulturellen Formen verlaufen, und wenn je eine dazu Aussicht hatte, so ist es gerade die proletarische; denn wir sind die letzen, die zu Gewaltmitteln greifen, die eine brutale Revolution herbeiwünschen könnten. Aber solche Dinge hängen nicht von uns ab, sondern von unseren Gegnern.«

Wer war diese streitbare, freundliche, demokratische, natur­liebende Denkerin, Agitatorin und heutige Ikone der Linken – ähnlich wie Che Guevara, Fidel Castro, Lenin, Friedrich Engels oder nicht zuletzt Karl Marx? Nach Solty eine glühende Revolutionärin – ganz praktisch und konsequent –, der es nicht um Erkenntnis und Rechtbehalten, nicht um eine akademische Karriere ging, sondern darum, eine Welt, in der sie Ausbeutung, Unterdrückung und Naturzerstörung schmerzhaft störten, praktisch zu verändern. Nach Hannah Arendt war sie „die umstrittenste und missverstandendste Gestalt der deutschen Linken“. Luxemburg war und ist verehrte Legende und zugleich für viele Menschen nur „Rosa“ – distanzlos und verkleinert, ohne Familiennamen. Niemand würde einfach von Karl, Friedrich oder Wladimir schreiben, wenn Marx, Engels oder Lenin gemeint sind.

Ist es eventuell nur die „Legende Rosa Luxemburg“, wie Hannah Arendt es auch einmal ausdrückte, der »Inbegriff der Sehnsucht nach der guten alten Zeit der Bewegung, als die Hoffnung noch grünte, die Revolution unmittelbar vor der Tür stand und vor allen Dingen der Glaube an die Fähigkeiten der Massen und die moralische Integrität der kommunistischen Führung noch unangetastet war?« Offene Fragen, die wohl nie wirklich geklärt werden können. Aber nicht nur die Intention ihrer Mörder, sie und ihre Ideen zum Schweigen zu bringen, erfordert eines sicher: Es geht bei der Erinnerung an Luxemburg nicht um falsche Ikonisierung, nicht um die Anbetung der Asche, sondern um die Weitergabe des Funkens, der Methoden und Haltung.

Um in dieser Kurzvorstellung Rosa Luxemburgs nur mit einem Fuß in der von Ingar Solty beschriebenen Falle zu landen – sie in die drei gängigen Klischeebilder linksbürgerlichen Feminismus, Eurokommunismus oder Marxismus-Leninismus einzuordnen –, sei eine, vielleicht die wichtigste, Eigenschaft Rosa Luxemburgs betont, die alle anderen durchzieht: ihre **Fähigkeit und Bereitschaft, in Widersprüchen zu denken**. Luxemburg entwickelte wie kaum eine andere marxistische Dialektik an realen, aktuellen Konflikten weiter.

Begriffspaare wie **Reform und Revolution**, **Theorie und Praxis** oder **Masse und Partei** hat sie stets als **dialektische Einheit** verstanden – nie als Gegensatz oder Alternative. Diese Denkweise muss die Linke heute wieder lernen. Der Begriff der **„revolutionären Realpolitik“** taucht in ihren Werken explizit nur einmal auf, doch er fasst ihr dialektisches Denken prägnant zusammen. Frigga Haug beschreibt diese Synthese aus unmittelbarem Kampf um Reformen und ferner Utopie einer nichtkapitalistischen Gesellschaft mit dem anschaulichen Bild von Eisenspänen, die sich in einem unsichtbaren Magnetfeld ausrichten. Realpolitische Ziele bleiben essenziell, solange das Fernziel im Blick bleibt. Stellvertreter-Politik à la »NichtsalsParlamentarismus« – Rosa Luxemburgs Spottformel über Kautsky – reichte ihr nicht. Parlamentarische Arbeit bietet eine unverzichtbare Bühne für Forderungen, doch echte Fortschritte jenseits der Tagespolitik entstehen in der Bewegung, in Massenprotesten, in der Gesellschaft selbst.

Rosa Luxemburg war eine hochintelligente und selbstbewusste Frau - ein Grund für ihren Erfolg wie auch die Missgunst der anderen (Männer). Peter Hudis - ihr US-amerikanischer Herausgeber - charakterisierte sie einmal so: »**Sie ließ sich von niemandem etwas bieten. Sie war Polin, Jüdin, Frau und hatte eine Körperbehinderung - "*4 Strikes already*"** - die sich trotzdem in kürzester Zeit in die Führungsetage der SPD, der damals größten sozialdemokratischen Partei der Welt, emporarbeitete.« Das war im Gegensatz zu vielen Selbstdarstellern, die uns auch in der heutigen Politik sicher spontan einfallen, nicht nur ihrer Power und ihrer Wortgewandtheit geschuldet, sie war auch einfach eine ausgesprochen kluge und gebildete Marxistin, so bewandert, dass sie fundierte wissenschaftliche Arbeiten (Sozialreform oder Revolution / Massenstreik, Partei und Gewerkschaften / Akkumulation des Kapitals) verfasste und von 1907 bis 1914 zur Dozentin der Berliner Parteischule (203 Schüler, davon 14 Frauen) berufen wurde.