Trauerrede Wiegmann | Abschied von Ralf Peters

Roland Wiegmann
 RedenRoland WiegmannTopmeldung

Roland Wiegmann:

Trauerrede für Ralf Peters

gehalten auf der Gedenkfeier der Bezirksversammlung Eimsbüttel am 26.01.23

Geehrte Anwesende,
liebe Freundinnen und Freunde von Ralf Peters,

Ich möchte hier nicht viel Biografisches über Ralf erzählen
- nur so viel: Tod mit nur 68 Jahren -
das kam für uns alle sehr überraschend und sehr früh.

Ralf Peters hatte einen großen Freundeskreis und war ein gesellschaftspolitisch sehr aktiver Mensch

  • in diversen Bewegungen und Initiativen
  • Mitglied der Bezirksversammlung Eimsbüttel in verschiedenen Ausschüssen,
  • als gelernter Gärtner pflegte er Bäume und Gärten seiner Freundinnen und Freunde und zeigte auch sonst viel Liebe zur Natur,
  • und die auf Hamburger Streuobst-Wiesen gesammelten Äpfel landeten in seinem selbst gebackenen, legendären Apfelkuchen.
  • Er fuhr viel und gern und aus Überzeugung mit dem Rad durch ganz Hamburg und auch in den Urlaub. Was andere sportliche Aktivitäten anging bezeichnete er sich selbst immer wieder als “Tribünensportler beim FC St. Pauli”.

Ralf war für mich vor allem ein geduldiger und zuverlässiger Freund,
mit manchmal überraschend tiefen Kenntnissen, und immer begründeten Überzeugungen, ein Freund, der immer da war, wenn, wann und wo eine helfende Hand gebraucht wurde.

Und das ist es doch, was wir uns - glaube ich - alle für unseren eigenen großen Schlussstrich wünschen:
Nicht, bewundert worden zu sein,
nicht, um Erfolge beneidet,
sondern dafür, dass wir Freund:innen waren und dass wir gebraucht wurden.

An was erinnere ich mich vor allem, wenn ich an Ralf denke?
- Er war keiner, der sich in erster Reihe darstellen musste - er brachte sich dort ein, wo es notwendig war.
- Seine Hilfe war immer konkret.
Hartz4-Bezieher:innen wurden zur mentalen Unterstützung auf Wunsch im JobCenter begleitet, beim mehrwöchigen Neupack-Streik war er regelmäßig in der Jurte vor’m Eingang und half den streikenden Kolleg:innen.
- So manchen Abend haben wir bei Pizza und Rotwein bei ihm in der Emmastraße, bei mir oder einfach im Grünen oder auf der Parkbank auf dem Else-Rauch-Platz sitzend über die Welt im Großen und Kleinen diskutiert oder einfach die Zeit verklönt.
- Wir demonstrierten gemeinsam auf vielen 1. Mai-Demos und stemmten zusammen windanfällige Transparente gegen Regen und Wind.
- Mit Sicherheit trafen wir uns auf den Kundgebungen zum jährlichen Antikriegstag oder beim Ostermarsch und anderen Friedenskundgebungen, denn Frieden und wie man ihn erhält -
Bildung ohne Bundeswehr,
Hamburger Forum für Völkerverständigung und weltweite Abrüstung,
Volksinitiative gegen Rüstungstransporte über den Hamburger Hafen,
Initiative “Sedanstraße umbenennen” -
waren für Ralf Herzensangelegenheiten - für die er auch regelmäßig Transparente selber malte oder Gedichte verfasste und diese auf den jeweiligen Veranstaltungen auch vortrug.

Eine ganz besondere Erinnerung - gerade jetzt in Kriegszeiten und im Zusammenhang mit den Protesten in Lützerath -
ist mir, dass wir mit anderen Friedensbewegten zusammen an einer friedlichen und gewaltfreien Sitzblockade des Atomraketenlagers in Büchel mitwirkten, für die Ralf kurzerhand einen neuen Text für eine bekannte Liedmelodie verfasste.
Als Sozialist seit frühen Jahren waren ihm Friedensfrage und Soziale Frage die Kristallisationspunkte seines Wirkens:
Sommers wie winters beriet er Hartz4-Bezieher:innen jahrelang vor dem JobCenter Fangdieckstraße oder im Bürgerhaus Eidelstedt bei heißem Tee und von ihm selbst gebackenen Apfelkuchen.
Natürlich geht die große Politik nicht an uns vor Ort vorbei. Deshalb versuchte Ralf auch hier in der Bezirksversammlung Eimsbüttel die Überlebensfrage Krieg oder Frieden zu stellen,
was wie wir wissen nicht ganz einfach ist, weil in der Regel die gewählte Kommunalpolitik hier alle Themen zu meiden sucht, welche die unmittelbare Beschlusskompetenz der Bezirksversammlung überschreiten.

Sein Solidaritäts- und Friedensantrag (Drs. 21-1185 “Antikriegstag am 01. September 2020 - für den Frieden eintreten”) fand leider nur in Teilen - aber in den wesentlichen - in einem Alternativantrag eine Mehrheit.
Das bedeutete ihm sehr viel.


   »Petitum [beschlossene Petita hervorgehoben]:
- Die Bezirksversammlung Eimsbüttel begrüßt den Beschluss der Hamburgischen Bürgerschaft vom 12. Februar 2020, den Vertrag zum Verbot von Atomwaffen ("ICAN-Städteappell") zu unterstützen.
- Die Mitglieder der Bezirksversammlung sind aufgerufen, sich im Sinne dieses Bürgerschafts-Beschlusses und dem der Bezirksversammlung Eimsbüttel von 1983 (atomwaffenfreien Zone) für eine Welt ohne Atomwaffen einzusetzen.
Der Vorsitzende der Bezirksversammlung wird gebeten, sich bei Bürgerschaft und Senat der Hansestadt Hamburg dafür einzusetzen, dass - diese sich verstärkt in der Organisation "Mayors for Peace" engagieren - diese eine Bundesratsinitiative mit dem Ziel einer bundesdeutschen Ratifizierung des UN-Atomwaffen-Verbotsvertrages vorlegen
- diese im Sinne des Friedenspostulats der Hamburger Verfassung Maßnahmen ergreifen, die zum Ziel haben, die Rüstungsexporte über den Hamburger Hafen zu unterbinden.«

Ralfs unerwarteter Tod gemahnt mich (und vielleicht auch Sie), die uns unbekannte Zahl der uns verbleibenden Tage zu nutzen - vielleicht - im Sinne von Ralf - für den Frieden, unseren Nächsten und die einfachen Freuden im Leben, wie z.B. seine Gedichte.

Als Ralf 2014 so viel Gereimtes beieinander hatte, dass es für ein Buch reichte, durfte ich das Lektorat übernehmen
(und die Formatierung - mit der IT stand Ralf bekanntlich auf Kriegsfuß 😉).

Unter dem Titel “Lyrische Reise durch den (un)poetischen Alltag” ging eine kleine Auflage in den Druck, die heute vergriffen ist.
Darin finden sich u.a. 18seitige Gedichte wie das “Hamburger Schauermärchen, Heinrich Heine und G20”, oder kurze Verse über den Baum, die Schreber, Eimsbüttel oder das Hamburg-Haus.
Weil Ralf ein sehr produktiver Reimeschmied war, gibt es seit der ersten Auflage mittlerweile viele neue Stücke. Und wir begannen noch vor wenigen Wochen das Lektorat einer neuen Auflage des Buches mit jetzt mehr als 300 geplanten Seiten. Zur Veröffentlichung wird es nun vielleicht nicht mehr kommen.

Deshalb möchte ich hier mit den letzten 20 Zeilen des letzten Gedichtes schließen, die sich mit der Doppeldeutigkeit des Begriffes “Radfahrer-Mentalität” beschäftigen und viel Aufschluss über Ralfs Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen geben:

»... Auch in der Fahrradwelt - der bunten, buckelst Du hoch und trittst nach unten, dann immer wieder die Pedale,
unzählig ist, wie viele Male.
Dem Radler und der Radlerin kommt dieses aber nur in’n Sinn beim Fahren auf eben diesm Rade. Ansonsten machen sie sich grade.
Sie brauchen keinen krummen Rücken, vor Vorgesetzten sich zu bücken.
Sie sagen nicht zu allem ja
und stehen damit anders da,
als es demjenigen ergeht,
der dienlich stets der Autorität.
Zwar DIN-Norm hat mithin das Rad, doch Fahrer selbst kein DIEN’n-Format.
Und selbstverständlich ist vonnöten nur auf dem Rad: Nach-unten-Treten. Radler tritt Pedale nur
und keine and’re Kreatur.«

Danke für die Aufmerksamkeit. Farewell, lieber Ralf.